ab 30.3.2020 18 Uhr

63 Minuten

Sarah Hellriegel *1986
innerfamiliär sexuell missbraucht im 10. - 12. Lebensjahr,

erlebte psychische und physische Gewalt während der gesamten Kindheit und Jugend,
Heilpraktikerin für Psychotherapie

Erlebter Missbrauch ist wie eine Behinderung, die man danach sein Leben lang mit sich herum trägt. Der Versuch, wieder zurück zu dem Zustand davor zu kommen funktioniert nicht. Man kann lernen, mit seinen Behinderungen umzugehen. Wenn man das akzeptiert, dann ist ein großer Schritt gemacht. Die Taten werden somit nicht ungeschehen. Man kann sich beispielsweise auch mit einem Haus vergleichen, das war am Anfang noch schön und irgendwann haben Einbrecher alles verwüstet. Ausziehen können wir nicht (zumindest gehe ich davon aus) also liegt es nahe, die Verwüstung zu beseitigen so gut es geht und das Beste daraus zu machen Viele bauen erst mal eine Schutzmauer auf, damit auch ja niemand mehr rein kommt - ich halte das nur für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll und habe sehr früh begonnen, mein Haus einfach umzugestalten und die Macken, die ich nicht beseitigen kann, zu akzeptieren

Das Thema Missbrauch - sexueller, wie auch psychisch und durch Schläge - wird immer ein Thema meines Lebens sein. Ich bin dankbar dafür, dass ich nicht erst Jahre später durch plötzliche Erinnerungen daran herunter gezogen werde. Für mich war das Geschehene dauerpräsent und so habe ich es als meinen Begleiter angenommen, früh angefangen, mich mit meinem persönlichen Horror auseinander zu setzen und auch früh begonnen, in den Austausch mit anderen Menschen zu gehen - was wiederum die Erkenntnis brachte, dass Missbrauch von Kindern ein flächendeckendes Problem der Menschheit darstellt. Leider. Mit dem Kongress erhoffe ich mir, dass mehr Leute dafür sensibilisiert werden und endlich die Denke, es würde immer nur ganz weit weg passieren aufhört. Am schädlichsten finde ich das vehemente Wegschauen und nicht-wahrhaben-Wollen derer drum herum. Der Umgang damit fällt mir weniger leicht, als der Umgang mit dem Missbrauch an sich.

Allen, die aktuell betroffen sind, möchte ich auf den Weg mit geben: Ihr seid nicht daran Schuld und habt den Mut euch an helfende Hände zu wenden. Es gibt ein Leben danach und es darf durchaus auch gut werden. Wie bei so vielem ist auch hier der Weg das Ziel. Bleibt nicht stehen. Es sind manchmal schwere Grenzen zu überwinden, aber es lohnt sich. Schritt für Schritt in Richtung Selbstbestimmung und Heilung.

Wenn auch Du bereit bist, und spürst, dass Du gerne Dein Erlebtes mitteilen möchtest, schreibe mir gerne eine email!

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